Ein Geheimnis wird gelüftet.| Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 9

Griaß Gott! Die Zeiten, als die graue Maus ihre Mentorin und Großmutter, die Weiße Maus, mit ihren Eskapaden zur Weißglut trieb, schienen eine halbe Ewigkeit zurückzuliegen. Von Abenteuern träumte sie damals, von Erlebnissen in der großen, weiten Welt. Wenn Träume wahr wurden, sahen sie in der Wirklichkeit nur immer etwas anders aus. Vor allem wußte man nie, ob ein Abenteuer gut oder schlecht ausging. Denn nur die mit gutem Ende wurden überliefert … 

In Maus rumorte es. Und es war nicht nur ihr Magen, der knurrte. Die ganze Maus knurrte. Ob sie hungrig war? Natürlich. Das Magentratzerl von vorhin vermochte ihren Hunger nicht zu stillen. Aber Maus knurrte − vor Zorn! Sie hatte die Nase voll. Hatte sich denn die ganze Welt gegen sie verschworen? Dass Weiße Maus sie zuhause herumscheuchte und sie ihr nie etwas recht machen konnte, gut, daran war sie gewöhnt. Aber dann packte man sie in eine Kiste (naja, so ungefähr), verfrachtete sie ins Irgendwo und dann fuhrwerkten ein Kater, eine Eule und nun auch noch eine Ratte nach Belieben mit ihr herum? Ihr reichte es!

Maus baute sich vor Athena und Klara auf. Ihre Schnurrhaare zitterten vor Empörung. »Also.« Finster blickte sie die Eule und die Wanderratte an, die beide erheblich größer waren als sie. »Ich will jetzt einige Antworten von euch, keinen Schnickschnack mehr. Und wenn ihr mich dann fressen wollt, bitteschön. Ich lasse mich auf jeden Fall nicht mehr von irgendwem herumschleppen oder für dumm verkaufen. Ich … ich bin eine Orgelmaus und habe das Recht darauf, zu erfahren, was hier vor sich geht.« Sicherheitshalber plusterte sie ihr Fell auf, um noch etwas beeindruckender zu wirken.

»Potz Blitz! Nun sieh‘ dir mal diese Maus an, Athena. Mutiger als ich dachte.« Widerwilliger Respekt war aus der Stimme der Wanderratte herauszuhören. »Mit ihr könntest du nicht so umspringen wie mit Weiße Maus«, bemerkte die Eule spitz.

»Apropos Weiße Maus.« Maus räusperte sich. Heimweh durchzuckte sie jäh. Na toll. Einen Kloß im Hals konnte sie nun wirklich jetzt nicht gebrauchen! »Also, wenn ich das richtig verstanden habe, kennt ihr meine Großmutter, Weiße Maus, Orgelmaus in der Minoritenkirche von Regensburg? Im Historischen Museum? Ja?« Die Eule und die Wanderratte nickten zögernd. Da hatte wohl jemand gelauscht. »Schön. Ausgezeichnet. Dann … äh … Von dir, Eule, will ich wissen, warum Weiße Maus hier war. Und warum du Weiße Maus offenkundig damals im Stich gelassen hast. Außerdem will ich wissen, was mit meiner Orgel hier in der Werkstatt passiert. Du, Ratte, sagst mir alles über dieses Bündnis der Wanderratten und was das mit Orgelmäusen zu tun hat. Außerdem will ich von euch beiden wissen, ob es noch andere Orgelmäuse auf der Welt gibt und warum Weiße Maus mir nichts darüber gesagt hat. Ich will wissen, warum es hier eine Katze und eine Eule gibt, die keine Mäuse fressen. Das ist doch unnatürlich! Und dann … dann will ich was zu essen und nach Hause! So!« Maus schnaufte.

»Ja nun, ich …« »Das war so …« Athena und Klara begannen gleichzeitig zu sprechen und verstummten wieder. »Fang‘ du an, Eule« sagte Maus. Athena zwirbelte verlegen mit dem Schnabel ihre Flügel zurecht und setzte sich anders hin. »Das war so«, krächzte sie etwas heiser, »damals gab hier die Jahresversammlung der Gilde der Orgelmäuse. Ja, es gibt noch andere Orgelmäuse auf der Welt, überall da, wo es wertvolle Orgeln aus vergangenen Zeiten zu beschützen gilt. Ich wundere mich, dass Weiße Maus dir offenbar nichts darüber erzählt hat, Ich weiß nicht, warum. An die hundert Orgelmäuse waren hier, um von ihren Orgeln zu berichten. Die Tradition bestimmt, dass die Mentoren ihre Nachfolger zu diesen Versammlungen mitbringen, wo sie auf ihre Eignung geprüft und initiiert werden. An den Versammlungsorten gelten die Orgelmäuse als unberührbar. Keine Katze und keine Eule würden sie jemals anrühren. Das .. das ist eben so.

Weiße Maus war erst ein Jahr zuvor zur Orgelmaus ernannt worden. Entsprechend aufregend war für sie ihre erste Versammlung als richtige Orgelmaus und Vertreterin ihrer Orgel. Hat sie dir nie davon erzählt? Nun ja, ich kann irgendwie verstehen, wenn sie dir das verschwieg. Es gab eine gewisse Ratte«, Athena warf Klara einen scharfen Blick zu, »die Weiße Maus solange beschämte und ärgerte, bis sie heulend abreiste.« Die Wanderratte kratzte sich verlegen das Fell. Maus unterbrach die Eule: »Aber wieso war eine Wanderratte dabei? Du willst mir doch nicht erzählen, dass es Orgelratten gibt? Ich bitte dich!« Athena seufzte. »Aha. Das weißt du also auch nicht. Du bist wirklich eine Orgelmaus? Bist du dir sicher? Die Wanderratten dienen den Orgelmäusen von jeher als Kundschafter und Boten für Nachrichten zwischen den Orgelmäusen. So halten die Orgelmäuse auch außerhalb der Versammlungen Kontakt, Informationen werden getauscht und es wird sichergestellt, dass im Falle eines Unglücks keine Orgel unbemaust bleibt.«

»Schön und gut. Schlimm genug, dass ihr Weiße Maus damals vergrault habt. Aber wieso ist nie jemand gekommen, um sich zu entschuldigen? Eule? Oder du, Ratte?« Im Takt ihrer Entrüstung vibrierten Maus‘ Schnurrhaare inzwischen wie ein Metronom. Die Eule guckte angestrengt nach draußen, die Ratte untersuchte wenig anmutig, aber umso konzentrierter ihr Fell auf juckende Stellen. »Feige. Ihr wart einfach feige, oder?« sagte Maus leise und traurig.

Sie ging zur Öffnung des Verstecks und blickte über den Hof. Die Sonne schien. Das kalte Winterlicht hatte sich schon etwas goldener gefärbt und gab eine Vorahnung auf den Frühling. Links von ihr schmiegten sich die ersten Krokusse an die Hauswand. Maus dachte an Weiße Maus und wie sehr sie sich bemüht hatte, sie alles über die Orgel zu lehren. Aber dass es andere Orgelmäuse gibt, Versammlungen und ein Nachrichtensystem über Wanderratten − hätte sie Weiße Maus aufmerksamer zugehört, wenn sie davon gewusst hätte? Am meisten hatte sie immer bedrückt, dass Maus das Gefühl hatte, dass es egal ist, ob eine Maus Orgelmaus wird oder nicht. Niemand würde je davon erfahren. Ihr Tun schien keinerlei Bedeutung zu haben. Dass ihre Orgel, ihre Kirche, dass Regensburg ein Knotenpunkt in einem weltweiten System war, überwältigte Maus. Und dass sie über Weiße Maus eigentlich nichts wußte, schon gar nicht über deren Weg zur Orgelmaus, das machte sie traurig. Sie hatte plötzlich das Gefühl, dass es für sie in Regensburg mehr zu tun gab als in irgendwelchen Abenteuern.

Vor allem mußte sie dringend mit Weiße Maus sprechen. Dieses Zerwürfnis schien ihr doch vollkommen unnötig zu sein. So doof sie diese Wanderratte fand (und ehrlich gesagt war die Eule auch nicht viel besser): Regensburg mußte wieder Teil des Netzwerks von Orgelmäusen werden! Ihre Orgel war immerhin eine der wenigen noch erhaltenen Orgeln aus dem 17. Jahrhundert und wegen ihrer hervorragenden tischlerischen und konstruktiven Bauform eines der bedeutendsten Orgelinstrumente (ha, die Formulierung hatte sie behalten, jawohl!). Eine solche Orgel brauchte die Hingabe ihrer Orgelmaus und die Aufmerksamkeit der Welt. Was würde geschehen, wenn es keine Orgelmaus mehr in Regensburg gäbe? Aber Moment, es gab in der Regensburger Minoritenkirche überhaupt keine Orgel mehr!

Maus drehte sich um und blickte die Eule und die Wanderratte an. »Was ist mit meiner Orgel? Wie kommt sie zurück nach Regensburg? Und wie komme ich zurück nach Regensburg?«

Das Leben wäre soviel einfacher, wenn man miteinander redete, oder? Ob es eine Versöhnung geben wird? Sieht fast so aus, als wäre es das größte Abenteuer für Maus, einigen Leuten mal kräftig an den Ohren zu ziehen. Wird unser kleiner Mäusling das schaffen? Und wie geht es weiter mit Maus und ihrer Orgel? Und wann bekommt sie endlich was Ordentliches zu essen? Nächste Woche erfahren wir mehr! 

Kommt Maus jemals nach Hause zurück?

Kommt Maus jemals nach Hause zurück?

 

 

Der Winter verabschiedet sich, der Frühling kommt. Das Leben geht weiter ... Nur wie?

Der Winter verabschiedet sich, der Frühling kommt. Das Leben geht weiter … Nur wie?

Währenddessen in der Werkstatt ...

Währenddessen in der Werkstatt …

Text: Wibke Ladwig

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