Bis ans Ende der Welt | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 5

Griaß Gott! Keine guten Neuigkeiten aus der Minoritenkirche: die graue Maus ist weg. Die Orgel ist weg. Weiße Maus, Großmutter und Mentorin der widerspenstigen Orgelmaus, machte sich große Sorgen. Ihr graupelziger Schützling bescherte ihr nicht nur eine Aufregung nach der anderen. Nein, nach der letzten Eskapade schien sie nun endgültig verschwunden. Eine Katze? Eine Mausefalle? War Maus in Not und brauchte Hilfe? Ihre Pläne, die Aufgaben einer Orgelmaus bald an Maus zu übergeben, schienen zu scheitern. Doch noch viel mehr schmerzte sie der Verlust des kleinen Widerborsts. Was sollte sie nur tun, wenn Maus nie wieder auftauchte? 

Seit einer halben Ewigkeit fuhren sie. Maus saß in der Kiste zwischen den Orgelpfeifen. Die Kiste stand offenbar neben vielen anderen Kisten in einem Transporter. Der Motor brummte monoton. Ob Weiße Maus sie wohl vermisste? Bestimmt war sie sauer, weil Maus nicht gewartet hatte. In letzter Zeit sah Weiße Maus oft müde aus und war auch viel schneller gereizt. Hatte sie ihre Großmutter eigentlich irgendwann mal gefragt, wie es ihr ging? Maus zuckte schuldbewusst mit ihren Schnurrhaaren. Plötzlich fand sie es sehr unbequem und sie quetschte sich in eine andere Ecke. Unruhig knabberte sie an ihrem Pelz. Nun hätte Weiße Maus auch einfach mal etwas von sich erzählen können, oder? Genau! Immerhin waren sie die Letzten ihrer Familie. Was aber bedeutete, dass auch Weiße Maus fast ihre ganze Familie verloren hatte, als Maus‘ Eltern und Geschwister verschwanden. Maus fühlte sich schlecht. Ein ganz blödes Gefühl manifestierte sich in der Magengegend – sie fühlte sich – ja – wie eigentlich? Bedröppelt schlug sie die Augen nieder. „Du hättest sie fragen sollen“, zischte eine Stimme in ihrem Kopf, die der Stimme von Weiße Maus sehr ähnelte. So klang sie, wenn Maus mal wieder völlig anderes im Kopf hatte als etwas über ihre Orgel zu lernen. Maus fühlte sich auf einmal noch viel, viel schlechter als vorhin. Aber Moment mal…

Die Orgel! Maus guckte sich die Orgelpfeife, an die sich schmiegte, etwas genauer an. Das Licht in der Kiste war schlecht, aber Maus konnte die Orgelpfeife neben den anderen sanft schimmern sehen. Ha! Dreiunddreißig. Soviel müssten es sein. Sie zählte im Halbdunkel nach. Jawohl. Sie hatte recht. So unaufmerksam war sie im Unterricht von Weiße Maus gar nicht gewesen! Sie seufzte. Eine Unterrichtsstunde bei ihrer Großmutter wäre jetzt nicht schlecht. Sie hätte es warm und sicher gehabt, und gleich danach Abendbrot. Ihr Mäusemagen knurrte. Wer weiß, wohin die Reise gehen mochte. Immerhin war etwas Vertrautes in ihrer Nähe und Maus fühlte sich nicht mehr so einsam wie zuvor. Sie gähnte.

»Orgelmäuse und ihre Orgeln haben eine ganz besondere Beziehung«, sagte Weiße Maus. »Du erinnerst dich, Maus, dass ich dir von Stephanus erzählte, unserem Urahnen? Stephanus half dem Menschen Stephan Cuntz beim Bau der Orgel, damals, im Jahre 1627. Seinen Namen erhielt die Orgelmaus von diesem Menschen. Ich sagte dir schon, dass das auch ein Grund ist, warum wir Orgelmäuse unsere Namen nicht gleich nach der Geburt bekommen. Traditionen muss man pflegen. Meister Cuntz war ein kluger Mann, der ganz für die Musik und Orgeln lebte. Er sagte über die Musik und das Leben: „Das Wunder ist: Je mehr wir teilen, desto mehr haben wir*.“ Der Orgelbauer nahm Stephanus das Versprechen ab, sich um die Orgel zu kümmern. Zu der Zeit konnten sich Mäuse und Menschen noch miteinander verständigen, weißt du? Leider hörten die Menschen immer weniger hin und eines Tages hielten sie uns nur noch für quiekendes Ungeziefer. Für Käsediebe und Halunken! Halte dich von den Menschen fern, wenn dir dein Leben lieb ist. Und von ihren Katzen, diesen niederträchtigen Ganoven, die aus unerfindlichen Gründen die Menschen schon immer fest in ihrer Pfote hatten.« Maus nickte schnell und dachte an die Knacker und das köstliche Stück Sauerteigbrot, das nebenan auf die wartete. Beides hatten sie am Morgen in einem Korb vorm Museum »gefunden«. Boah, wie das duftete! Gleich würde sie ihr Stück in Pfoten halten und in die knusprige Kruste beißen …

KRACH! Es wurde schlagartig hell, als die Tür des Transporters aufgerissen wurde. Maus wurde jäh aus ihren Träumen gerissen. Statt nach Brot roch es nach Abgasen. Menschen riefen laut durcheinander, dann griff sich jemand die Kiste und trug die Kiste samt Maus davon. Pfui Deifi! Was denn noch? Was ging hier nur vor? Wo war sie?

Überraschend sanft stellte der Mensch die Kiste ab und ging. Andere Menschen kamen, stellten Kisten hin und gingen wieder hinaus. Dann war es still. Und jetzt? Maus sah nach oben. Nanu? Was war denn das? Da hatte sich ja der Deckel beim Transport etwas gelöst. Maus seufzte erleichtert auf, hangelte sich hoch und balancierte mit ihren Füßen auf der Orgelpfeife. Gar nicht so einfach auf dem Metall Haltung zu bewahren. Mit ihrer spitzen Nase schubste sie gegen den Deckel. Autsch. Verdammt! Ganz schön hart, diese Kiste! Hmm, sollte sie noch mal schubsen oder – sie überlegte. Dann kam ihr die Idee: Gut, lieber drücken statt schubsen. Das müsste doch funktio…. Aaarrrrggghhh! Da, der Spalt war groß genug. Endlich! Fast gescha… Moment: Da war doch was? Hatte da nicht irgendwas die Kiste gestreift? Maus erstarrte. Da – schon wieder. Maus war unheimlich zumute. Was war das nur? Es war mehr zu spüren als zu hören. Lange konnte sie auf jeden Fall so nicht bleiben. Halb hing sie am Kistenrand, halb lavierte sie auf einer der Orgelpfeifen herum. Raus oder rein? All zu lange konnte sie sich bestimmt nicht in dieser unbequemen Position halten – und dann? Wie hoch war die Kiste eigentlich? Maus Barthaare zitterten.

Um sie herum war es totenstill. Plötzlich knackte etwas …

Maus steckte ihre Nase schon immer gern überall hinein. (Foto: Wibke Ladwig)

Maus steckte ihre Nase schon immer gern überall hinein. (Foto: Wibke Ladwig)

Maus erinnerte sich: So sahen die Orgelpfeifen aus, als die Orgel noch zusammengebaut war. Oft hatte sie dazwischen gesessen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. (Foto: Pressestelle der Stadt Regensburg, Foto: Peter Ferstl)

Maus erinnerte sich: So sahen die Orgelpfeifen aus, als die Orgel noch zusammengebaut war. Oft hatte sie dazwischen gesessen, ohne sie wirklich wahrzunehmen. (Foto: Pressestelle der Stadt Regensburg, Foto: Peter Ferstl)

*Ruhe in Frieden, Leonard Nimoy, und gute Reise. »Mr. Spock« starb am 27. Februar 2015. Das Zitat stammt von ihm. Live long and prosper!

Text: Wibke Ladwig

Advertisements

4 Gedanken zu “Bis ans Ende der Welt | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 5

  1. Pingback: Katz und Maus | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 6 | Projekt-Orgelmaus

  2. Pingback: Wer war Stephan Cuntz? | Projekt-Orgelmaus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s