Klappe zu, Maus …? | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 4

Griaß Gott! Unruhige Zeiten brachen jüngst in der Minoritenkirche an. An der Orgel, die seit Mäusegedenken am selben Ort stand, machten sich fremde Menschen zu schaffen. Als sei das nicht schon beängstigend genug, machte sich Weiße Maus, die bejahrte Mentorin der heranwachsenden Orgelmaus, noch ganz andere Gedanken. Ihr Schützling, der Tunichtgut, geriet von einem Schlamassel in den nächsten. Was sollte sie nur machen, wenn sie die Aufgaben der Orgelmaus nicht bald an eine Nachfolgerin weitergeben konnte? War die Tradition der Orgelmäuse ernsthaft in Gefahr? 

RUMMS! Plöck. Plöck. Die Kiste war zu. Verschlossen. Dicht. Ein wenig Licht schimmerte zwischen den Holzlatten hindurch. Oh, das war nun wirklich mal aufregend. Maus plusterte sich auf. Sie fühlte sich wie in einem dieser Abenteuer des berühmten Indiana Mouse! Oder wie hieß der noch gleich? Ein paar Museumsbesucher hatten vor einer Weile von ihm erzählt. So’n schneidiger Kerl, der nach Schätzen jagt und von allen bewundert wird. Immer mit einem kessen Spruch auf den Lippen. So wäre Maus auch gerne! Mutig reckte sie ihre Schnurrhaare in die Höhe und schnupperte. Bestimmt kam ihr sowieso gleich die Weiße Maus zu Hilfe. Wie immer. Be-stimmt!

So war es damals schon, als Maus‘ Eltern und ihre Geschwister verschwanden. Angeblich fand man niemals eine Spur von ihnen. Eine Bande von Straßenkatzen machte damals die Gegend unsicher, bis sie im Tierheim dingfest gemacht wurden. Maus erinnerte sich, wie ihre Großmutter, Weiße Maus, erst geschluchzt und dann gekichert hatte, als sie Jahre später erzählte, dass die Rabauken schließlich als sanfte Wohnungsmiezekatzen einzeln vermittelt wurden. Eine davon wurde, so ging das Gerücht, mit einem rosa Schleifchen mitsamt Glöckchen um den Hals von einem selig hüpfenden Mädchen aus dem Tierheim getragen. Das Gesicht der Katze muß Gold wert gewesen sein … Das war das erste und einzige Mal, dass sie Weiße Maus hatte kichern hören. Kichern. Weiße Maus! Nun gut, sie hatte vorher eine Lache Bier aufgeleckt, nachdem ein unachtsamer Passant vor der Tür der Minoritenkirche eine Flasche hatte fallen lassen.

Aber als Maus plötzlich allein war, ohne Eltern und ohne Geschwister, da hatte sich Weiße Maus rührend gekümmert. Sie waren die Einzigen, die noch übrig waren. Maus war nur mit dem Leben davongekommen, weil sie nochmal zurückrennen mußte. Denn sie meinte, einen Mann mit zwei verschiedenen Schuhen in der Kirche gesehen zu haben. Als sie zurückkam, enttäuscht, weil sie sich geirrt hatte, war niemand mehr da.

Maus seufzte und suchte sich ein behaglicheres Plätzchen zwischen den Orgelpfeifen. Wenigstens etwas Vertrautes. Es schien noch eine Weile zu dauern, bis Hilfe kam. Sie schloß die Augen und fiepte unglücklich. So allein hatte sie sich lange nicht gefühlt. Seit damals.

Dass sie keinen Namen trug, lag am Tod ihrer Eltern. Kleine Mäuse erhalten erst recht spät ihre Namen. Denn leider starben viele Orgelmauskinder, wenn sie noch sehr klein sind. Katzen, Mausefallen, Gift. Das Leben war voller Gefahren!

Die Zeremonie, bei der sie alle ihre Namen bekommen hätten, stand damals kurz bevor. Aber sie fand dann nicht mehr statt. Seitdem war Maus einfach – Maus. Manchmal natürlich auch „Graue Maus!“ wenn sie mal wieder was angestellt hatte – na ja, gut – also eigentlich ziemlich oft wenn sie sich gegenüber ehrlich war. Ihre Großmutter (die ihren eigenen Namen übrigens angeblich vergessen hatte. Vergessen! Wie konnte man nur?) hatte Maus immer wieder vertröstet. Wenn Weiße Maus gewusst hätte, welchen Namen Maus hätte bekommen sollen, ja. Aber so? Eines Tages wäre es schon so weit, meinte Weiße Maus. Maus solle erstmal lernen, was eine Orgelmaus zu wissen hatte. Dann gäbe es auch einen Namen für sie. Und was wäre schon falsch an »Maus«?

Maus schniefte laut und tat sich selber furchtbar leid. Sie schlief ein.

Als Maus aus unruhigen Träumen erwachte, wankte die Welt. Ihr Mäuseherz blieb vor Schreck beinahe stehen. Man trug sie. Also, die Kiste. Und sie saß in der Kiste, immer noch. Es wurde hell. Sie hörte Menschen irgendetwas rufen, ein Auto fuhr vorbei. Es wurde dunkel. Und still. »Fiep!« jammerte Maus. Sie fühlte rein gar nichts mehr von Indiana Mouse in sich. Wer brauchte schon Abenteuer? Abenteuer waren toll, solange man sie – selbst kuschelig und behaglich dabei eingerichtet – aus dem Mund von Anderen hörte. Oder später selbst davon erzählte. Aber jetzt gab es erstmal nur Eines: Sie wollte raus aus der Kiste. Emsig begann sie an den Holzlatten der Kiste zu nagen. Sie hörte ein Scharren von draußen. Dann ein Klappen. Ein weiteres, entfernteres Klappen. Ein Motor sprang an. Sie fuhren!

Nun war alles aus.

»Maus? Ma-haus?« Weiße Maus machte sich allmählich Sorgen. Zornig war sie irgendwann spät in der Nacht gegangen. Natürlich hatte Maus gestern nicht auf sie gewartet, wie sie es hätte tun sollen. Weiße Maus hatte ihr erzählen wollen, was sie bei den Menschen erlauscht hatte. Doch sie war nicht aufzufinden. Weiße Maus hatte schon das ganze Museum abgesucht. Bestimmt hatte sie ihre neugierige Nase wieder in etwas gesteckt, das sie nichts anging. Doch als Weiße Maus am Morgen immer noch keine Spur ihres Schützlings fand, zuckten ihre Schnurrhaare nervös. Wo steckte Maus nur? Spätestens zum Frühstück tauchte der kleine Hungerleider immer auf. Immer! Zutiefst beunruhigt huschte Weiße Maus zur Orgel, wo sie einander zuletzt gesehen hatten.

Doch dann klappte der Weißen Maus der Kiefer bis auf auf den Boden – aber – was? Wer? Wie konnte das sein? Die Orgel … war weg!

Die Maus ist in der Kiste. Die Orgel weg. Werden sich Maus und Weiße Maus jemals wiedersehen? Oder ist Maus nun auf einer Reise in ein Abenteuer, aus dem sie niemals wiederkehren wird? Und was passierte mit der Orgel? Wie es mit unseren Mäuslingen weitergeht, erfahren wir in der nächsten Folge. Servus!

Keine Spur von Maus ... (Foto: Karin Geiger)

Keine Spur von Maus … (Foto: Karin Geiger)

Wo kann Maus nur stecken? (Foto: Karin Geiger)

Wo kann Maus nur stecken? (Foto: Karin Geiger)

Maus steckt in der Klemme ... (Foto: Wibke Ladwig)

Maus steckt in der Klemme …
(Foto: Wibke Ladwig)

Text: Wibke Ladwig

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2 Gedanken zu “Klappe zu, Maus …? | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 4

  1. Pingback: Bis ans Ende der Welt | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 5 | Projekt-Orgelmaus

  2. Pingback: Katz und Maus | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 6 | Projekt-Orgelmaus

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