Wer sich in Gefahr begibt … | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 2

Griaß Gott! Willkommen zurück in der Regensburger Minoritenkirche. Was bisher geschah: wir lernten die graue Maus kennen, die der Familientradition folgen und Orgelmaus werden soll. Orgelmäuse kümmern sich um »ihre« Orgel; und diese Aufgabe wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Weiße Maus ist die Großmutter und auch die Mentorin unserer kleinen Heldin. Die Lehrmeisterin hat aber ihre liebe Mühe mit dem graufelligen Zögling. Denn Maus gelüstet es nach Abenteuern und Reisen in die Welt. Aus aller Welt kommen die Besucher, die das Historische Museum in dem ehemaligen Minoritenkloster erkunden. Deren Gespräche belauscht Maus. Was sie hört, weckt in ihr die Sehnsucht nach anderen Orten. Doch hätte Maus nur auf ihre Mentorin, die Weiße Maus gehört, die sagte: »Bedenke wohl, worum du bittest. Es könnte dir gewährt werden …*« 

»Maus? MAUS! Rasch, hierher!« zischt die Weiße Maus. Jessas! Um Haaresbreite wären sie entdeckt worden. Schon an die Hundertmal hatte sie Maus gesagt, dass sie von den Menschen nicht entdeckt werden dürfen. Etliche Orgelmäuse fanden durch einen Kammerjäger schon ein jämmerliches Ende. Die Menschen verstehen nun einmal nicht, welcher wichtigen Aufgabe die Orgelmäuse nachgehen. Sicher, die Zweibeiner bauten einst wundervolle Orgeln und vermögen ihnen heute noch wundervolle Töne zu entlocken. Aber für die Feinheiten in der Orgelpflege sind sie schlicht zu groß und zu grob. Wie oft muss sie Maus das noch sagen?

Allmählich weiß sie sich keinen Rat mehr. Erst gestern kam Maus wieder zu spät zum Unterricht. Dabei ist es momentan schwer genug, den Lehrplan einzuhalten. In der Kirche geht etwas vor sich. In den letzten Wochen standen öfter fremde Menschen mit den vertrauten Museumsmitarbeitern um die Orgel herum, machten ernste Gesichter und fuchtelten mit ihren Telefonen. Was geht da nur vor sich?

»Weiße Maus, Weiße Maus! Hast du das gesehen? Dieser komische Koffer, den dieser Mann trug? So seltsam geschwungen und leuchtend rot und glänzend! Oh, was mag nur darin gewesen sein?“ quietscht die graue Maus aufgeregt und huscht zur Weißen Maus in die Ecke hinter der Glocke im Kirchenraum. Weiße Maus seufzt. Für alles interessiert sich ihr Zögling. Nur nicht für die Geschichte der Orgel und der Musik. Jeder Besucher, jede Besucherin des Museum ist interessanter als das, was Weiße Maus sie lehren will. Lehren muss. Was soll sie nur mit diesem Hanskaschberl machen? »Das war ein Violinenkoffer. Wenn du bei meinem Unterricht zu den unterschiedlichen Instrumenten aufgepasst hättest … Wo willst du denn nun schon wieder hin? Maus!«

Eilig hopst der graue Pelzling an der Wand entlang. Sie weiß, dass Weiße Maus nachher wieder mit ihr schimpfen wird. Aber da hinten tut sich doch etwas! Es liegt Besonderes in der Luft, das merkt sie genau. Sie schlüpft in eine Nische. Ihr Schnurrhaare zittern im Takt ihres Mäuseherzens. Da, die Türen öffnen sich und vier Männer tragen große Holzkisten herein. Sie stellen sie neben die Orgel. Was passiert da?

Maus blickt sich um und sucht die Weiße Maus. Doch sie ist nirgends zu sehen. Hm. Ob sie sie schnell suchen … aber was, wenn sie das Wichtigste verpasst? Ihre Nase zuckt nervös. Wenn sie nur besser sehen könnte, was die Männer dort tun. Doch zwei Holzkisten stehen nun genau zwischen ihr und den Männern. Einer der Männer, ganz in Schwarz gekleidet, macht sich offenbar an der Orgel zu schaffen. Ihrer Orgel! Ihr Mäuseherz klopft rasch. Sie atmet kurz ein und – rennt hurtig los!

„Iiiiiiiieeeeeks, eine Maus“ kreischt unvermittelt eine hohe Frauenstimme hinter ihr. Maus macht vor Schreck einen Hüpfer und verliert das Gleichgewicht. Sie überschlägt sich und landet direkt vor der Orgel – und den Füßen des Manns in Schwarz …

Eigentlich soll die graue Maus Orgelmaus werden. Ihre Eltern und Geschwister wurden von einer Bande von Straßenkatzen vor Jahren ausgelöscht. Nun ist sie die einzige, die die Aufgabe einer Orgelmaus von ihrer Großmutter und Mentorin, der Weißen Maus, übernehmen kann. Doch Weiße Maus hat ihre liebe Müh mit dem widerspenstigen Pelzling. Denn der ist voller Neugier und Abenteuerlust – und bringt sich damit in tödliche Gefahr. Ob des Mäusleins letztes Stündlein geschlagen hat oder ob ein großes Abenteuer beginnt, erfahren wir in der nächsten Folge. Servus!

Was mag da nur vor sich gehen? [Foto: Wibke Ladwig]

Was mag da nur vor sich gehen? [Foto: Wibke Ladwig]

In der Minoritenkirche geht etwas vor sich ... [Foto: Karin Geiger]

In der Minoritenkirche geht etwas vor sich … [Foto: Karin Geiger]

 *[Anmerkung der Autorin Wibke Ladwig] Ganz klären kann ich die Quelle dieses Zitats nicht. Marion Zimmer Bradley legte diese Worte Merlin in ihrem Buch Nebel von Avalon in den Mund. Aber ob dieses Zitat nicht seinerseits ein Zitat ist? »Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los« schrieb auf jeden Fall Goethe in seinem Zauberlehrling. Und in gewisser Weise ist auch unsere Maus ein kleiner Zauberlehrling.

[Text: Wibke Ladwig]

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2 Gedanken zu “Wer sich in Gefahr begibt … | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 2

  1. Pingback: Bis ans Ende der Welt | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 5 | Projekt-Orgelmaus

  2. Pingback: Katz und Maus | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 6 | Projekt-Orgelmaus

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