Schatten der Vergangenheit | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 8

Griaß Gott! Wäre die graue Maus doch nur brav die Nachfolge von Weiße Maus, ihrer Großmutter und Mentorin, angetreten. Als sie noch ihren Träumereien in der Regensburger Minoritenkirche nachging und den Geschichten der Besucher im Historischen Museum lauschte, ahnte sie nicht, dass sich die Ereignisse eines Tages überschlagen und sie ins Unbekannte reisen würde, mitsamt ihrer Orgel

»Da ist sie.« Die Eule zeigte auf den Schlupfwinkel, in dem Maus fest schlief. Eine ungewöhnlich dunkle Wanderratte setzte sich neben die Eule. »Sieh mal einer an. Und du glaubst …?« Athena neigte ihren Eulenschnabel zur Seite und starrte die Ratte aus ihren bernsteinfarbenen Augen bedeutungsvoll an. »Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Erinnerst du dich? Ich habe dir damals gesagt, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist. Alles im Leben fügt sich, Klara.«

Klara, die Wanderratte, zischte vergnügt. »Athena, meine Gute, du immer mit deinen klugen Sprüchen. Habt ihr Eulen für sowas ein Handbuch? Eines Tages verzieren diese verrückten Menschen mit diesen Sprüchen noch Eulenbilder und versenden sie mit diesen seltsamen Geräte, die sie immerzu in den Händen halten. Du weißt, ich sehe das etwas anders. Aber dennoch ist eine Ähnlichkeit nicht zu leugnen, selbst wenn sie mir etwas mickrig vorkommt. Auch die Farbe ist anders. Aber diese rosafarbenen Ohren, die rundliche Kopfform … Und natürlich die Orgel. Ob das ein Zufall ist? Soll ich sie wecken, damit wir sie befragen können? Ob sie nach Hause telefonieren will?« Die Ratte kicherte und bohrte mit einer Kralle Löcher in die Luft.

Athena rollte mit den Augen und schüttelte ihren Kopf. »Du klingst wie ein Eimer Schrauben, wenn du kicherst. Laß‘ sie noch eine Weile schlafen. Sie wirkte arg mitgenommen, als ich sie fand. Du solltest mittlerweile wissen, dass Orgelmäuse empfindlicher sind als normale Mäuse. Und wenn mich nicht alles täuscht, haben wir ein Exemplar aus einer sehr eigenwilligen und sensiblen Orgelmaus-Familie vor uns.« Die Eule und die Ratte betrachteten das graue Mäuslein, das sich gerade leise ächzend umdrehte, jämmerlich seufzte und weiterschlief. Sie zogen sich etwas zurück, um ihren Schlaf nicht zu stören.

»Hast du dir die Orgel angesehen?« Klara, die Wanderratte, nickte. »Die Menschen packen sie gerade aus. Ein prächtiges Exemplar. Alt. Spätes sechzehntes, vielleicht schon siebzehntes Jahrhundert, schätze ich. Das meiste ist noch in den Kisten. Aber die Teile mit der Inschrift … Gut erhalten. Schönes Stück. Und, ja, ich habe die Inschrift gesehen:

Alles was Athem hat
Lobe den Herrn
Halleluja. 

Tja. Weiße Maus hatte damals davon erzählt, ich erinnere mich noch gut. Es könnte also ihre Orgel sein.«

Weiße Maus? Athena und Klara waren in ihr Gespräch vertieft und bemerkten nicht, dass die Maus hinter ihnen erwacht war. Hatte sie richtig gehört: die Eule und diese Ratte da (wer war das nun wieder? Jesses, das wurde ja immer verrückter hier!) sprachen über ihre Weiße Maus, ihre Mentorin, ihre Großmutter? Ihre Orgel? Was sollte sie tun? Am besten tat sie so, als schliefe sie. Sonst würde ihr sowieso wieder keiner verraten, was hier vor sich ging. Sie kniff ihre Augen zusammen, machte sicherheitshalber ein paar Schnarchgeräusche und spitzte ihre Ohren …

»Klara, wenn ihr euch allesamt damals nicht so kindisch angestellt hättet, wüsstest du, ob es die Orgel aus Regensburg ist. Du hättest sie dir vor Ort ansehen können. Aber nein, du musstest unbedingt deine zweifelhaften Späße treiben. Bis Weiße Maus im Zorn das Bündnis mit den Wanderratten brach und seither nie wieder bei einem Jahrestreffen der Orgelmaus-Gilde gesehen wurde. Wegen dir. Sie schwor, dass sie dafür sorgen würde, dass keine Wanderratte jemals wieder Regensburger Boden betreten würde. Und du? Du hast dich auch noch über sie lustig gemacht und warst am Ende selbst beleidigt, weil sie dir deine Piesackereien übelnahm. Mal ganz davon abgesehen, dass du sie bei ihrem Schwarm damals verraten hast. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, sie bei ihm lächerlich zu machen. Sie war schüchtern und hätte sich nie getraut, ihm ihre Zuneigung zu gestehen. Du wirst ihm ungeheuerliche Geschichten aufgetischt haben. Und er hat sie auch noch geglaubt und mit allen anderen über sie gelacht. Und warum? Weil sie weiß und nicht grau war. Und weil sie sich nicht zu wehren vermochte. Herrje! Du weißt selbst, dass Regensburg deshalb aus dem Nachrichtensystem der Gilde herausfiel. Das Wissen um die Orgel schien unrettbar verloren, bis heute. Es war deine Schuld, Klara. Dafür könnte ich dir immer noch die Rattenohren langziehen.«

Maus horchte angestrengt. Die beiden kannten Weiße Maus, tatsächlich. Und Regensburg. Und ihre Orgel. Unglaublich. Noch unglaublicher war, was sie über Weiße Maus hörte. Ihr kleines Mäusherz zog sich mitleidsvoll zusammen. Diese doofe Ratte! Die Eule schien immerhin auf ihrer Seite zu sein. Hätte sie Weiße Maus nicht damals helfen können? Und warum war sie denn nicht einfach mal nach Regensburg geflogen? Seltsam. Maus blinzelte zu den beiden hinüber. Sie sah, wie sich die Wanderratte unbehaglich wand und etwas Unverständliches vor sich hinmurmelte. Was hatte sie gesagt? »Was hast du gesagt?«

Maus zuckte zusammen. Hatte sie etwa laut gedacht? Aber die Eule blickte nur auf die Ratte, die nervös in ihrem Fell knabberte. »Ja doch, du hast ja recht. Es war mies von mir. Ich weiß heute auch nicht mehr, welcher Teufel mich damals geritten hatte. Es gab da diesen niedlichen Rattenmann, ach, ich weiß nicht mehr wie er hieß, den ich unbedingt beeindrucken wollte. Und Weiße Maus ließ sich so wunderbar ärgern.« Klara kicherte. Maus dachte bei sich, dass die Ratte klang wie ein Eimer Schrauben, wenn sie kicherte. »Weißt du noch, als ich Weiße Maus …« Die Eule stampfte kurz auf und blickte die Ratte finster an. »Schon gut, schon gut, ich weiß, dass das falsch war. Und es tut mir leid, ehrlich. Ich hätte mich auch entschuldigt, wenn Weiße Maus nicht … Naja, also, ich hätte mich wirklich entschuldigt, wenn …«

»Wenn du nicht so feige gewesen und Regensburg seitdem gemieden hättest? Und allen anderen Wanderratten erzählt hättest, dass sie Regensburg nicht mehr bereisen dürften, sonst hetzte Weiße Maus ihnen Straßenkatzen auf den Hals? Mit denen sie angeblich im Bunde war? Eine Maus und Straßenkatzen, ernsthaft? Gute Güte, Klara!« Die Eule wandte sich kopfschüttelnd ab. »Ach komm‘, Athena. So einfach war das  nicht, ehrlich!« Die Wanderratte schnappte sich verlegen ihre Schwanzspitze und biss ein wenig darauf herum.

»Schau mal, unser Gast ist wach.« Athena und die Wanderratten guckten Maus an. Maus erstarrte. »Na, Maus, immer noch hungrig?« Ein Magen knurrte.

Kommt unsere Maus hier einem Familiengeheimnis auf die Spur? Gibt es etwa noch mehr Orgelmäuse auf der Welt? Was haben Wanderratten nur mit den Orgelmäusen zu schaffen? Und welche Rolle spielt diese Eule? Kein Wunder, dass unser grauer Mäusling erstmal eine Pause und eine ordentliche Mahlzeit braucht. Nächste Woche geht es weiter! 

"Weiße Maus?" Hatte sie richtig gehört? Sprachen die Eule und die Ratte über Weiße Maus?

„Weiße Maus?“ Hatte sie richtig gehört? Sprachen die Eule und die Ratte über Weiße Maus?

Die Wanderratte beobachtet von einem Sims aus, wie die Menschen die Orgel auspacken und begutachten.

Die Wanderratte beobachtet von einem Sims aus, wie die Menschen die Orgel auspacken und begutachten.

 

Die Inschrift der Regensburger Orgel.

Die Inschrift der Regensburger Orgel.

Text: Wibke Ladwig

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