Von Menschen und Mäusen | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 3

Griaß Gott! In der Regensburger Minoritenkirche gingen unerklärliche Dinge vor. Was bisher geschah: wir lernten die graue Maus kennen, die der Familientradition folgen und Orgelmaus werden sollte. Orgelmäuse kümmerten sich um »ihre« Orgel; und diese Aufgabe wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die graue Orgelmaus war ein Widerborst, der seiner Mentorin, der Weißen Maus, das Leben schwer machte. Denn unsere graupelzige kleine Freundin gelüstete es nach Abenteuern und Reisen in die Welt. Wurde ihr diese Unternehmungslust zum Verhängnis?

»Nun sehen Sie sich das an. Frau Geiger, Sie haben Mäuse!« Der Schwarzgewandete blickte schmunzelnd von der Maus vor seinen Füßen zur Museumsmitarbeiterin, die herbeieilte. Vor ihnen duckte sich furchtsam eine kleine graue Maus. Weiße Maus hatte sie so oft vor den Menschen gewarnt. »Sie sind unwissend, Maus«, hatte sie gesagt. »Sie verstehen nicht, dass wir keine gewöhnlichen Mäuse sind. Sie ahnen nicht, dass wir Orgelmäuse dazu bestimmt sind, für das Wohl der Orgel zu sorgen, die sie einst bauten. Sie wollen nur eins: unseren Tod.« Und nun? Wo war Weiße Maus? Wie sollte sie sich nur retten? Da, nun beugte sich dieser große Kerl in Schwarz zu ihr herunter und … Du lieber Himmel! Da, seine Hand griff nach ihr!

Erschreckt quiekte Maus und raste los. Die Hand streifte ihren Pelz. Mit einem gewaltigen Satz sprang sie hinter eine Kirchenbank. Ihr kleines Mäusherz klopfte rasant. Sie huschte weiter. War es hier sicher? Sie hörte jemanden lachen. Der Mann in Schwarz! Weg, nur rasch weg hier! »Hier, Maus, hierher!« Weiße Maus. Nie zuvor war die graue Maus so froh, ihre Mentorin zu sehen. Sie witschte hurtig in die Nische unter der großen Glocke. »Wo WARST du nur?« japste sie mit hoher Stimme, »Ich habe … ich meine, also, das war voll gefährlich! Die Menschen … der Schwarze, dieser Kloifel*! Hättest du mir nicht früher helfen können?«

»Nun, das geschieht dir ganz recht, Maus. Eine Orgelmaus kommt nie zu spät, ebenso wenig zu früh. Sie trifft genau dann ein, wenn sie es beabsichtigt.** Wärest du bei mir geblieben, wie es gedacht war, und hättest meinen Ausführungen zu den Registern der Orgel Beachtung geschenkt … Aber nein, du musst natürlich deiner Neugier nachgeben. Was soll ich nur mit dir machen?« Weiße Maus seufzte und setzte sich bequemer hin. Ihr Rücken wurde auch nicht besser. Sie blickte auf ihren Schützling, der kleinlaut und immer noch bebend vor ihr hockte. »Schon gut, Maus. Wir sehen uns das mal an. Offenbar geht da wirklich etwas vor sich, um das wir uns kümmern sollten. An unserer Orgel, du erinnerst dich hoffentlich, dass wir für sie verantwortlich sind?«

Maus fühlte sich ein wenig getröstet. Aber zugleich machten sie die Worte der Weißen Maus zornig. Was dachte sie denn, warum sie unbedingt zur Orgel laufen musste? Klar ging da was vor sich! Sie hatte das sofort bemerkt. Nun sah es wieder so aus, als sei sie nur mal wieder ungestüm gewesen, während die supertolle, superweise Weiße Maus alles im Griff hatte. Pffft. Steifbeinig und mit bockigem Gesicht stapfte sie hinter der Weißen Maus her.

Die beiden Mäuse verbargen sich im Schatten einer Kirchenbank und lugten zur Orgel. Lachend standen einige Menschen um die Kisten herum, während sich andere an der Orgel zu schaffen machten. Sehr witzig, dachte Maus bei sich. Erst erschrecken sie mich beinahe zu Tode und dann amüsieren sie sich auch noch darüber. Und überhaupt, was MACHTEN die denn da? Ihre Schnurrhaare zuckten. Sollte sie kurz …? »MAUS! Hiergeblieben!« zischte Weiße Maus genervt. »Du lernst es nie, oder, du aufgestellter Mausdreck***?«

Die Mäuse beobachteten aus ihrem sicheren Versteck, wie die Menschen Teile der Orgel abschraubten und nach und nach in Kisten legten. Nun wurde auch Weiße Maus unruhig. Das war ganz gewiss nicht richtig. Hektisch dachte sie nach. Was sollte sie nur tun?

»Pack ma’s!« rief der Schwarze. »Den Rest machen wir morgen.« Werkzeug schepperte. Die Mäuse sahen, wie die Menschen an den Kisten herumräumten, einige von ihnen verschlossen und dann zum Ausgang schlenderten. Und jetzt? Reglos saßen beide Mäuse hinter der Kirchenbank und hypnotisierten die Kisten. »Du wartest hier, Maus« sagte Weiße Maus unwirsch. »Ich folge den Menschen und versuche, herauszufinden, was sie vorhaben. Und du rührst dich nicht von der Stelle, klar?« Sie warf Maus noch einen strengen Blick zu und eilte davon.

»’Und du rührst dich nicht von der Stelle, klar?‘ Haha. Hier passiert endlich mal was. Und ich soll hier herumsitzen? Von wegen …« Maus reckte ihre rosafarbene Nase in die Luft und stolzierte zu den Kisten. Sie war sich sicher, dass keine Gefahr drohte. Die Menschen waren schließlich weg, oder? Ha! Kein Grund, sich zu fürchten. Sie kam bei den Kisten an und schnupperte. Mmmh, das roch gut, nach Holz. Nach DRAUSSEN. Nach WELT. Aufgeregt hopste Maus weiter. Herrje, die Orgel war kaum wiederzuerkennen! Die Hälfte war … weg! Nun machte ihr Mäuseherz doch einen Satz. Ihr war die Orgel ja eigentlich völlig egal, aber, naja, das sah nicht sehr gut aus.

Maus krabbelte an der ersten Kiste neben der Orgel hoch. Ihre Schnurrhaare zuckten und sie balancierte über der Öffnung. Sie entdeckte Teile der Orgel. Ah, die Orgelpfeifen. Neugierig beugte sie sich herunter. Wa-wa-was war das? Da, Schritte hinter ihr! Sie war offenbar zu abgelenkt gewesen. Einer der Menschen kam zurück. Oh nein! Zurück ging es nicht, sie wäre ihm direkt vor die Füße geplumpst. Rumms! Maus landete kopfüber zwischen den Orgelpfeifen, die in der Kiste lagen. Noch bevor sie sich aufrappeln konnte, wurde es dunkel. Ein Deckel wurde auf die Kiste gelegt und, plöck, plöck, war die Kiste verschlossen.

Verflixt. Maus steckte ernsthaft in Schwierigkeiten. Sie nieste.

Allmählich scheint sich abzuzeichnen, dass die Dynastie der Orgelmäuse in Regensburg wohl ein Ende finden wird. Schon die Eltern und Geschwister der grauen Maus wurden vor Jahren von einer Bande von Straßenkatzen ausgelöscht. Nun ist sie die einzige, die in der Nachfolge ihrer Mentorin und Großmutter, der Weißen Maus, die Aufgaben einer Orgelmaus übernehmen könnte. Doch nun scheint alles Bemühen der Weißen Maus um ihren übermütigen Schützling vergebens. Kann sich unser graupelziger Draufgänger nochmal retten? Und was geschieht mit der Orgel? Das erfahren wir in der nächsten Folge. Servus!

In der Minoritenkirche. Links ist die Glocke zu sehen, unter der die Mäuse Zuflucht finden. (Foto: Karin Geiger)

In der Minoritenkirche. Links ist die Glocke zu sehen, unter der die Mäuse Zuflucht finden. (Foto: Karin Geiger)

Aus ihrem Versteck heraus beobachtete die Orgelmaus, wie sich die Menschen an ihrer Orgel zu schaffen machten. (Foto: Wibke Ladwig)

Aus ihrem Versteck heraus beobachtete die Orgelmaus, wie sich die Menschen an ihrer Orgel zu schaffen machten. (Foto: Wibke Ladwig)

In der Kiste lagen die Orgelpfeifen. Warum nur? (Foto: Museen der Stadt Regensburg)

In der Kiste lagen die Orgelpfeifen. Warum nur? (Foto: Museen der Stadt Regensburg)

*Kloifel, der [Gloiffe] (Gloifel): grober, ungehobelter, unverschämter Kerl; Rüpel

**Eine kleine Verbeugung vor Tolkien, der diese Worte Gandalf in den Mund legte. Die Weiße Maus hatte vor vielen Jahren ein Exemplar unter einer der Kirchenbänke gefunden und hütet es wie einen Schatz an einem verborgenen Ort.

***aufgestellter Mausdreck [aufgschdäidà Mausdre:g] / kleiner Wichtigtuer

Text: Wibke Ladwig

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2 Gedanken zu “Von Menschen und Mäusen | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 3

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