Die Geschichte der Orgel: Renaissance bis Neuzeit

In der Kiste lagen die Orgelpfeifen. Warum nur? (Foto: Museen der Stadt Regensburg)

(Foto: Museen der Stadt Regensburg)

Rückblick: „Hach, ist das toll,“ schwärmte Maus. „Dass du mal wieder zu spät zum Unterricht kommst ist toll?“ Die Weiße Maus schüttelte den Kopf. „Ähm, wie, zu spät? Ich bin pünktlich! Die Glocken haben doch gerade erst geschlagen!“ Weiße Maus seufzte. „Ja, zur vollen Stunde. Aber wir waren zur halben verabredet. Wie immer.“ Hätte Maus Schultern gehabt, sie hätte jetzt mit den Achseln gezuckt. So aber zitterten nur ihre Schnurrbart-Haare. Ganz leicht. „Ist doch egal, Orgelgeschichte ist doch eh Geschichte. Die kann dann auch eine halbe Stunde später erzählt werden.“ Die Weiße Maus hob indigniert ihre Pfote. „Nur, wer die Vergangenheit kennt, kann für die Zukunft lernen. Eines Tages, Maus, eines Tages wirst du das auch verstehen.“ Leise murmelte sie: „Ich hoffe es jedenfalls.“ Laut fuhr sie fort: „Nun, wo waren wir? Bei der Renaissance, richtig?“

Was in der Renaissance begann wird im Barock fortgeführt: Die Orgel bekommt neue Register und zudem werden die Prospekte reich verziert. Manchmal entwickeln die Figuren sogar ein Eigenleben – so kann es vorkommen dass der Engel mit der Trompete durch das Ziehen eines Registers sich den Gottesdienstbesuchern zuwendet. Pracht und Prunk, das liebte man im Barock. Andererseits bekommt die Orgel tatsächlich im Barock ihre endgültige Form, an der sich nicht mehr all zu viel ändern wird. Dabei unterscheidet man zumindest in Deutschland drei Typen: Die frühbarocke Prätorius-Orgel ist einer. Michael Prätorius war nicht nur Komponist sondern auch Musiktheoretiker und hat in seinem Werk diese Orgel ganz genau beschrieben. Sie zeichnet sich durch eine scharfe Registertrennung aus, einem Koppelverbot für Äqualstimmen. Ein Beispiel dafür ist die Orgel in Halberstadt aus dem Jahr 1586. Die hochbarocke Orgel nach dem Vorbild von Arp Schnitger – 1648 bis 1719 – weist eine ausgewogene Klangfülle auf. Zudem können hier schon bis zu vier Manuale auftreten. Prädestiniert sind solche Orgeln für Musik von Buxtehude. Natürlich darf dann das Highlight gegen Ende des Barocks nicht fehlen: Die berühmte Silbermann-Orgel. Diese hat weniger Einzelaliquote, viele Grundstimmen und eine komplizierte Registrierung. Johann Sebastian Bachs Musik klingt auf einer Silbermann-Orgel am Authentischsten.

„Und zu welchem Typ gehört unsere Orgel?“, wollte Maus wissen. Die Weiße Maus seufzte. „Hast du nicht aufgepasst als ich dir erzählte – nein, hast du natürlich nicht. Unsere Orgel in Regensburg ist doch wann gebaut worden?“ Maus tat gar nicht erst so als ob sie eine Antwort parat hätte. „1627,“ sagte Weiße Maus streng. „1618 beschrieb Michael Prätorius den frühbarocken Typ, wenn man denn unsere Orgel einsortieren wollen würde, dann wäre sie allerdings eher noch eine der Renaissance.“ Maus gab etwas von sich, das ein „Aha“ hätte sein können. Immerhin, sie zeigte endlich mal Interesse. Das musste man ausnutzen…

Dass es diverse Stilrichtungen gab, wie die Orgel gespielt wurde versteht sich fast von selbst. In Süddeutschland gab es im katholischen Gottesdienst eher weniger Orgelbegleitung. Hier entwickelte sich ein reges kammermusikalisches Klavierspiel mit der Form der Suite – eine Sammlung von Tanzsätzen, nach denen dann natürlich nicht mehr direkt getanzt wurde. Ähnlich wie Chopins Walzer fürs Klavier auch nicht mehr zum Tanzen bestimmt sind oder wie der Tango bei Satie. Beim Orgelspiel kam wenig Pedal zum Einsatz, dafür aber gab es eine reiche Tradition bei den Toccaten und Capriccios. Eine Toccata ist eigentlich eine Orgelimprovisation – das lateinische Wort für Anschlagen schwingt da mit – aber nach und nach haben die Organisten dann ihre Erfindungen und Einfälle aufgeschrieben. Meistens wird die Toccata dann von einer Fuge begleitet. Die Toccata und Fuge in d-Moll von Bach ist das Paradebeispiel dafür. Ein Capriccio ist etwas ähnlich, aber weitaus geschmeider und eher auf dem Klavier zu Hause – ein Virtuosenstück. 

Richtig entfalten kann sich das Orgelspiel dann in Mittel- und Norddeutschland. Choralbearbeitungen, Vorspiele – auch Präludien genannt, Einzahl ist übrigens das Präludium – und die schon erwähnten Fugen. Die Organisten lieben das farbenreiche Wechselspiel der Register und es gibt Einflüsse aus Holland und England. Klare Solostimmen treten dazu, besonders wichtig wenn ein Choralvorspiel erklingt und die Melodie des Chorals hervortreten soll. Und sehr gerne wird der Wechsel vom kompletten Orgelklang – Tutti – gegen leisere Passagen genutzt. Es verwundert nicht, dass es für die Orgel adaptierte Orchesterkonzerte gibt. Bach hat ja selbst einige von Vivaldi etwa für die Orgel umgearbeitet. Es entwickelt sich ein virtuoses, kontrastreich-konzertantes Spiel mit ausgeprägter Pedaltechnik, klarem Liniengeflecht und wuchtigen Akkordblöcken.

Nach dem Barock allerdings versinkt die Orgel als Instrument allmählich mehr und mehr in der Gunst der Komponisten. Die Wiener Klassik etwa komponiert kaum etwas für Orgel und daher haben Gottesdienstbesucher meistens auch eher barocke Klänge im Ohr wenn das Wort Orgel erwähnt wird. Erst die Romantik widmet sich ihr wieder und vor allem die Franzosen lieben die Orgel. Neue Windladen werden konstruiert und mit elektrischen Motoren versehen. So konnten die Organisten unabhängig von den bis dahin nötigen Bälgetretern ihre Instrumente nutzen. Eine richtige Revolution war das! Eine technische Neuentwicklung stellt die pneumatische Kegellade dar, die, verbunden mit zahlreichen Spielhilfen, die nun recht groß konzipierten Orgeln mit teilweise über 100 Registern leichter spielbar machte. Das pneumatische System erwies sich jedoch später als zu störanfällig, sodass sie vielfach schon bald restauriert oder ersetzt werden mussten. Kompositorisch besannen sich die Romantiker wieder auf die barocken Vorbilder, verbanden aber wie Mendelssohn oder Reger durchaus die alten Traditionen mit neuen musikalischen Möglichkeiten. Zudem ändert sich allmählich der Adressat für die Musik: Mendelssohn komponiert zwar auch für den Gottesdienst – aber auch für den Konzertsaal. Kein Wunder, dass die Orgel allmählich ihren Platz in der weltlichen Literatur findet.

Was bis heute noch nachwirkt ist die Orgelbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Orgelneubauten in der Gründerzeit waren in den Augen der Zeitgenossen eher minderwertig und klanglich nicht so intensiv wie zum Beispiel die Orgeln der französischen Spätromantik. Oder allgemein Orgeln bis um das Jahr 1880. Gallionsfiguren der elsässischen Orgelreform waren Albert Schweitzer, Émile Rupp und Franz Xaver Matthias. Es hieß: Zurück zu den Wurzeln! Zurück zur Tradition! Instrumente romantischen Klangcharakters wurden zumeist als Fabrikorgeln bewertet. In Frankreich bildete sich in den 1920er Jahren der neoklassizistische Orgeltypus heraus. Seit den 1970er Jahren traten auch hier verstärkt Orgelneubauten auf, die sich an der französischen Klassik oder am norddeutschen Barock orientierten. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine Fülle von Orgelneubauten ein, die allerdings nicht immer hochwertig waren. In ihrer Disposition und Intonation zeichneten sich diese Orgeln oft durch einen schrillen Klang mit zu schwachem Bassfundament und fehlender Kraft in der Mittellage aus. Heutzutage ziehen Orgelbauer ihre Inspirationen von allen Epochen und beziehen den Raum mit in ihre Vorstellungen und Vorschläge für den Orgelbau ein.

Herrjeh! Maus hatte am Ende des Vortrages schon wieder vergessen, worum es eigentlich ging. All die Namen sagten ihr nicht und huschten an ihr vorbei wie – wie – „Das soll es erstmal gewesen sein. Das nächste Mal erzähle ich dir wieder etwas über die Geschichte unserer Orgel hier.“ Maus nickte erleichtert. Solange Weiße Maus nicht auf die Idee kam, sie über das Thema Orgelgeschichte abzu… „Und natürlich werde ich dich auch über die heutige Lektion abfragen. Ich hoffe, du hast gut aufgepasst?“ Maus nickte. Was blieb ihr auch anderes übrig. Allerdings war sie mit den Gedanken schon weit, weit weg. Zudem – irgendwas schien in den letzten Tagen in der Minoritenkirche vorzugehen. Der Organist hatte am Sonntag eine ganze Stunde lang sich in alle Ecken der Orgel gequetscht. Das tat der sonst nie! Und der hatte doch irgendwas gemurmelt… „Bis morgen dann,“ sagte Maus schnell bevor der Weißen Maus noch was einfiel und schon war sie wie der geölte Blitz verschwunden.

 

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