Namenstag | Orgelmaus – Eine Geschichte von Abenteuer und Musik, Folge 12

Griaß Gott! Die Geschichte unserer Heldin, der abenteuerlustigen Maus aus Regensburg, endet heute. Orgelmaus sollte sie werden − und damit Nachfolgerin ihrer Großmutter und Mentorin, Weiße Maus. Doch nun hat sich alles verändert: Weiße Maus ist tot. Unsere Maus war nach wie vor in Bautzen, wo die Orgel aus der Regensburger Minoritenkirche restauriert wurde. Was nun, Maus? 

»Nun, das geschieht dir ganz recht, Maus. Eine Orgelmaus kommt nie zu spät, ebenso wenig zu früh. Sie trifft genau dann ein, wenn sie es beabsichtigt. Wärest du früher zum Unterricht gekommen, hättest du …« RUMMSSS! Maus schreckte hoch. Jesses, sie war in der Werkstatt eingeschlafen. Wenn sie nun einer der Orgelbauer entdeckt hätte! Sie sah, wie sich ein Orgelbauer nah, sehr nah, leise fluchend bückte und einen Hammer aufhob. Maus schüttelte die letzten Überbleibsel ihres Traums ab. Wie so oft in den letzten Tagen hatte sie von Weiße Maus geträumt. Maus warf den Orgelbauern einen schnellen Blick zu, bevor sie durch einen Türspalt aus der Werkstatt verschwand. Er hatte sie nicht bemerkt, ein Glück!

Die Arbeiten an ihrer Orgel gingen offenbar zügig voran. Maus verbrachte ihre Tage in der Werkstatt, beobachtete die kundigen Handgriffe der Handwerker und lauschte ihren Gesprächen. Abends, wenn die Menschen verschwunden waren, untersuchte sie zusammen mit Kater Kraven den Fortschritt der Restaurierungsarbeiten. In einer Woche sollte die Orgel wieder nach Regensburg transportiert werden. Das hatte Maus erst heute in der Werkstatt gehört. Sie huschte nach draußen und setzte sich unter den Apfelbaum, dessen pralle Blütenknospen sich in der Frühlingssonne bald öffnen würden. Hier hatte sie vom Tod ihrer Mentorin und Großmutter erfahren, am Tag der Rückkehr von Klara. Die Wanderratte hatte die traurige Kunde vom Tod Blanches, der Weißen Maus, von ihrer Reise nach Regensburg mitgebracht.

»Ich kam gerade noch rechtzeitig. Eine Weile musste ich in der Minoritenkirche suchen. Ich fand Blanche an einem eurer Rückzugsorte. Sie war schwach und krank. ‚Einfach alt‘, meinte sie. Weiße Maus schien sich kaum zu wundern, mich zu sehen. Immerhin hatten wir uns nicht gerade im Guten getrennt.« Klara warf Maus schuldbewusst einen raschen Blick zu. Maus blickte sie nur an, immer noch geschockt. »Ich besorgte Weiße Maus etwas zu Essen und zu Trinken. Wir sprachen lange. Blanche war überglücklich, dich in Sicherheit zu wissen, Maus. Sie hatte gehofft, dass du irgendwie im Transporter mit der Orgel gelandet bist. Aber nach dem, was mit deinen Eltern und Geschwistern passiert war … Ähem, Kraven hätte ich besser mal nicht erwähnt.« Maus schnaufte empört: »Hättest du dir das nicht sparen können? War doch klar, dass sie sich aufregt? Orrr, Klara! Weiße Maus war krank − und du regst sie auch noch auf?« Klara biss nervös in ihren Rattenschwanz. »Ach, komm, das hat sie gar nicht so sehr aufgeregt. Aufgeregt hat sie sich erst, als ich mich entschuldigen wollte, wegen damals, du weißt schon … diese Sache da.«

»Ich glaube das nicht! Herrje, Klara! Du hast es wieder verbockt, oder? Erzähle mir keinen Mumpitz! Du bist doch irgendwie an allem schuld!« Vor Wut zitternd rannte Maus davon. »Aber, ich − Maus!« Klara fiepte. »Lass‘ sie, Klara«, meinte Athena, »Maus ist völlig durcheinander. Und kannst du es ihr verdenken? Du hast es nur gut gemeint, ja, aber wundere dich nicht, dass Maus keine hohe Meinung von dir hat nach allem, was sie bisher von dir gehört hat.« Die Wanderratte schaute die Eule unglücklich an. »Sicher, da hast Du nicht ganz unrecht. Wenn sie mir nur noch eine Weile zugehört hätte. Weißt du, Blanche hat mir noch eine Botschaft für Maus mitgegeben, also, eigentlich sogar zwei Botschaft, mit denen mindestens ein Herzenswunsch von Maus in Erfüllung gehen dürfte. Ob ich …?« Athena winkte die Ratte zu sich heran. »Erzähl‘ mir am besten alles. Maus muss sich ohnehin erstmal beruhigen. Ich wette, sie ist zu diesem Kater gerannt. Weiß der Himmel, was sie an diesem Umstandskrämer findet.« Die Eule und die Wanderratte verschwanden in der Scheune.

Seitdem hatte Maus mit Klara kein Wort gesprochen. Wenn sie die Wanderratte sah, machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Werkstatt. Wenn die Menschen darin waren, traute sich die Ratte nicht hinein. Zu groß war die Gefahr, entdeckt zu werden. Während eine kleine graue Maus sich gut zu verbergen vermochte. Und so verbrachte Maus ihre Tage in der Werkstatt oder mit Kraven, dem Kater. Er, der schon immer viel Zeit bei den Orgelbauern verbrachte hatte (und sich dort schamlos ihren Zuwendungen hingab), erzählte Maus von anderen Orgeln, die in der Werkstatt gebaut oder restauriert worden waren. Maus erhielt eine bessere Einschätzung vom Wert ihrer Orgel. Sie sah, wie freudig die Menschen mit ihrer Orgel umgingen und welchen Wert sie dem Instrument beimaßen. Das erfüllte sie mir Stolz auf ihre Orgel. Und mit Zuneigung. Während sie das Tun der Menschen beobachtete, versuchte sie sich an alles zu erinnern, was Weiße Maus ihr über die Orgel erzählt hatte. Sie erkannte die tiefe Liebe ihrer Großmutter zu der alten Orgel. »Poesie kann vieles beinhalten, was uns die Augen öffnet*«, sagte sie. Dann zitierte sie einen Menschen**, der angeblich einst eine ihrer Ahninnen als Orgelmaus gekannt hatte:

»Seufzend durchs Gewölbe zieht, und wieder dröhnend,
Orgelspiel. Andächtige Gläubige hören,
Wie vielstimmig in verschlungenen Chören,
Sehnsucht, Trauer, Engelsfreude tönend,
Sich Musik aufbaut zu geistigen Räumen,
Sich verloren wiegt in seligen Träumen,
Firmamente baut aus tönenden Sternen.«

Maus wünschte sich oft, eine aufmerksamere Schülerin gewesen zu sein. Sie hatte sich immer nach Abenteuern gesehnt. Nun erkannte sie, dass auch Wissen und Verantwortung Abenteuer waren. Wenn sie wieder einmal einen Zusammenhang begriff und Gehörtes im Gesehenen wiedererkannte, war das mindestens so aufregend wie eins der Abenteuer von Indiana Mouse! Wie gern hätte sie diese Erkenntnis mit Weiße Maus geteilt … Die Trauer ließ sie auch die Gesellschaft der Eule fliehen. Sie ahnte, dass Athena nur wieder Partei für Klara ergriffen hatte. Aber Verständnis für die doofe Wanderratte war das Letzte, was sie momentan ertragen konnte. Sie schob ihr alle Schuld am Unglück von Weiße Maus zu − und an ihrem Tod, so ungerecht das auch sein mochte.

»Kommt er mit, der pelzige Mäusling? Mir deucht, als hätten die Menschlein gar Köstliches für uns hinterleget.« Trotz ihres schweren Herzens musste Maus kichern. Der eigentümliche Kater Kraven war der einzige, den sie dieser Tage ertragen konnte. So seltsam er war: Sie ahnte ein edelmütiges, mitfühlendes Herz in dem verwöhnten Katzentier. Spaßeshalber drohte er ihr immer mal wieder, sie zu fressen. Aber damit konnte er Maus schon lange nicht mehr erschrecken. Kraven empfände es vermutlich weit unter seiner Würde, sein Futter jagen und erlegen zu müssen. Statt dessen erhielt er regelmäßig von den Menschen erlesene Köstlichkeiten. Es reichte immer für sie beide. Und so saßen am Abend, wenn die Werkstatt leer war, Katz und Maus einträchtig speisend vor einem Meissner Porzellantellerchen mit güldenem Rand.

Dann kam der Tag des Abschieds. Die Orgel war bereits wieder in Kisten verstaut. Am folgenden Tag sollte früh am Morgen der Transport nach Regensburg erfolgen. Maus und Kraven saßen in der Abendsonne unterm Apfelbaum und schauten den ersten Faltern hinterher. »Sie hat sich also entschieden?« erkundigte sich der Kater. »Nun, ich …« Maus zögerte. Sie hörte ein Flattern und ein Trippeln: Athena und Klara. Maus sprang auf. »Nicht doch, bleibe sie. Albern ist das, ist es das nicht?« meinte Kraven. Die graue Maus seufzte. Sie kam sich plötzlich ziemlich kindisch vor. Immerhin hatte sie einen Entschluß gefasst, den sie sehr erwachsen fand. Passte es dazu, wenn sie weiterhin kein Wort mit der Ratte und der Eule sprach? Ohne die beiden hätte sie von vielen Ereignissen und letztlich auch von der Geschichte ihrer Großmutter nichts erfahren. Selbst wenn beide keine rühmliche Rolle in dieser Geschichte gespielt haben.

»Maus, ich weiß, wir wissen, dass du nicht gut auf uns zu sprechen bist. Nein, schon gut. Wir haben es sicher nicht besser verdient. Doch bevor du abreist, gibt es noch etwas, dass du wissen musst. Klara?« Die Eule winkte die Wanderratte ungeduldig herbei. »Maus, als ich mit Weiße Maus vor ihrem Tod sprach, trug sie mir etwas auf. Zwei Dinge sollte ich Dir mitteilen. Nun, eigentlich drei: Du musst zunächst einmal wissen, dass du Blanche über alles am Herzen lagst. Du warst die letzte ihrer Familie − und ihre ganze Hoffnung. Dass ich zu ihr kam und die alte Verbindung zur Gilde wiederhergestellt werden kann, war eine große Erleichterung für Blanche. Sie wusste, dass du alles andere lieber machen möchtest, als ihre Nachfolgerin und Orgelmaus zu werden. Es tat ihr leid, dass sie dich immerzu gedrängt hatte − gegen deinen Willen.

Das eine ist also, dass sie dich aus dieser Pflicht entlässt. Die nächste Jahresversammlung der Orgelmaus-Gilde ist in wenigen Wochen. Weiße Maus plante, dorthin zu reisen und dich triumphierend als ihre Nachfolgerin zu präsentieren. Und sofort wieder abzureisen. Nun ja, du weißt, wir haben ihr damals übel mitgespielt. Wenn du dich also entschließt, in die Welt auszuziehen und dein Glück andernorts zu machen, steht dem nun nichts mehr im Wege. Ich würde bei der Gilde nach einer Nachfolgerin Ausschau halten. Sicherlich findet sich jemand, eine Maus aus einer anderen Orgelmaus-Familie, die nach Regensburg kommen möchte.« Maus schniefte leise. Wenn Weiße Maus nur geahnt hätte … ach!

»Das andere ist: Weiße Maus bittet dich um Verzeihung.« Maus blickte erstaunt auf. Was? Warum? Was kam jetzt? »Erinnerst du dich, dass wir sie unter anderem wegen ihres Namens immer aufgezogen haben? Nun, sie wusste, dass es dich schmerzte, keinen Namen zu haben. Aber irgendwie tat es ihr gut, dich deshalb leiden zu lassen. Sie hatte sich irgendwie gewünscht, dass euch das miteinander verbinden würde. Es tat ihr wirklich von Herzen leid. Sie schämte sich, dich angelogen zu haben. Denn, nun, sie wusste, welchen Namen deine Eltern für dich vorgesehen hatte. Ihr Vermächtnis an dich ist also nicht nur deine Freiheit, sondern auch dein Name: Cäcilia. Du heißt Cäcilia.«

Cäcilia. Maus wandte sich ab und holte tief Luft. SIE HATTE EINEN NAMEN! Sie flüsterte ihn vor sich hin, kostete ihn auf ihrer Zunge, lauschte auf den Klang. Dieser Name  …, er fühlte sich so richtig an. Ihre Eltern hatten ihn für sie ausgewählt und nun, Jahre später, war er bei ihr angekommen. Cäcilia. »Cäcilia! Mein Name ist Cäcilia! Kraven, hast du das gehört? Ich habe einen Namen! Ich bin Cäcilia, die Orgelmaus!« Fröhlich lachend hoppste die Maus davon und wetzte über die Wiese. Sie fühlte sich plötzlich wunderbar leicht und froh!

»Nun sehet euch den mäuslichen Pelzling an.« Der Kater maunzte gerührt. So glücklich hatte er seine kleine Freundin noch nie gesehen. »Orgelmaus? Bedeutet das …?« Fragend blickte Athena die Katze an. »Sie hat richtig verstanden. Die Mäusin hat schon längst beschlossen, ihr Amt als Orgelmaus anzutreten. Fürwahr, ein guter Entschluss, findet sie nicht?«

Ein Orgelbauer blickte zufällig aus dem Fenster. Im Garten sah er den Werkstattkater, eine dunkle Wanderratte und eine Eule im Gras sitzen. Sie schauten alle drei gebannt auf eine kleine graue Maus, die hüpfend und fiepend eine Runde nach der anderen um den Apfelbaum und das seltsame Grüppchen drehte. Er schmunzelte. »Verrückte Sache. Ich hätte wohl den Obstbrand nach dem Essen weglassen sollen …«

Tags drauf verließ der Transporter mit der Regensburger Orgel den Hof der Firma Eule. Vor der Werkstatt standen die Orgelbauer, die sich freuten, dass die Restaurierung der Orgel so gut geglückt war. In wenigen Wochen würde sie bei einem Konzert in alter Pracht erklingen. Wenige Meter weiter, in einem verborgenen Winkel vor der Scheune, hatten sich Athena, Klara und Kraven versammelt. Sie blickten dem Transporter hinterher. In einer der Kisten, der Kiste mit den Orgelpfeifen, wussten sie ihre Freundin, die Orgelmaus Cäcilia, gut aufgehoben. Sie kehrte heim − und bei der nächsten Versammlung der Gilde der Orgelmäuse würden sie einander wiedersehen!

Und damit ist unsere Geschichte zu Ende. Herzlichen Dank fürs Mitlesen. Wer die Abenteuer der Orgelmaus noch einmal in Gänze nachlesen möchte, kann das hier tun. Historisches und Geschichten über die Orgelmusik gibt es hier. Und wenn Ihr die Orgelmaus weiterhin verfolgt, hier im Blog oder bei Twitter oder bei Facebook oder bei Instagram, erlebt vielleicht in den nächsten Wochen noch die ein oder andere Überraschung! Ab Anfang Juni könnt Ihr die Orgel dann übrigens wieder im Historischen Museum in Regensburg besuchen. Und wer weiß, vielleicht seht Ihr ja eine kleine Maus durch die Minoritenkirche huschen … 

Der Apfelbaum ist aufgeblüht.
Nun summen alle Bienen.
Die Meise singt ein Meisenlied.
Der Frühling ist erschienen.

Die Sonne wärmt den Apfelbaum.
Der Mond scheint auf ihn nieder.
Die kleine Meise singt im Traum
die Apfelblütenlieder.

Die Bienen schwärmen Tag für Tag
und naschen von den Blüten.
Mag sie der Mai vor Hagelschlag
und hartem Frost behüten.

Der Apfelbaum ist aufgeblüht.
Der Winter ist vorbei.
Mit Blütenduft und Meisenlied
erscheint der junge Mai.
***

 

Ihre Tage verbrachte Maus in der Werkstatt.

Ihre Tage verbrachte Maus in der Werkstatt. (Foto: Anja M. Pietzsch)

Die Restaurierung lief auf Hochtouren.

Die Restaurierung lief auf Hochtouren. (Foto: Anja M. Pietzsch)

Gestatten: Orgelmaus Cäcilia!

Gestatten: Orgelmaus Cäcilia! (Foto: Wibke Ladwig)

Text: Wibke Ladwig

*Und, Zitat aus welchem Film?
**Hermann Hesse, Orgelspiel
***James Krüss, Der Apfelbaum ist aufgeblüht

 

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